
Was für ein denkwürdiger Nachmittag am Freitag, 06.02.2026, für das alte – ehemalige – Grandhotel Waldlust und für Cem Özdemir, der sich dem morbiden Charme des alten Hoteldenkmals auch nicht entziehen konnte. Der Kandidat der Grünen für das Amt des Ministerpräsidenten hatte einen triumphalen Auftritt in Freudenstadt, unterstützt vom Landkreiskandidaten Dr. Daniel Belling.
Man hatte mit vielen Interessierten gerechnet, aber nicht mit diesem Besucheransturm. Bis auf den letzten Platz war der große Festsaal besetzt, auf dem Boden sitzend, an die Fenster gelehnt, in allen Ecken und in den Nebenräumen wollten die Menschen hören, was Cem Özdemir ihnen zu sagen hat.
Ein Mann mit viel Charisma und hohem Promifaktor, wie ihm der Spiegel in seiner jüngsten Ausgabe attestiert.
Doch der Reihe nach: Zu Beginn unterhielt Sängerin Marianne Martin mit ihrem Trio die wartenden Gäste mit einem hochklassigen Potpourri mitreißender, gefühlvoll vorgetragener Songs.
Auch nach dem Beginn um 16 Uhr strömten immer noch weitere Besucher in den Saal, bis die Security schließlich abriegelte. „Draußen waren noch so viele junge Interessierte, aber wir durften niemanden mehr reinlassen“, bedauerte eine ehrenamtliche Ordnerin.
Vorstand Matthias Jarcke vom Denkmalverein Waldlust nutzte die Gelegenheit und stellte den „einst berühmtesten Lost Place in Deutschland“ kurz vor. Und er überreichte Özdemir einen Bildband der „Waldlust“ in Freudenstadt, das Özdemir schon sehr gut kennt. Woher, das erzählte er später selbst.
Dr. Daniel Belling, nach einem Auftritt der Band „Cabanaz“ dort bereits ein großer Fan der Waldlust, zog die Parallelen zur musikalischen Begleitung. „Der Song „Fragile“ von Sting, hat heute eine besondere Bedeutung. Die fragile weltpolitische Lage schockiert uns täglich, man droht abzustumpfen“, befürchtet Belling. Auch hier bei uns gebe es Kräfte, die die Demokratie abschaffen wollten, die spalten und zersetzten, „dagegen müssen wir kämpfen“.
„Demokratie, das ist auch Streit, aber mit Wertschätzung und auf Augenhöhe; wir wollen lebendige Gemeinschaften. Was zeichnet uns in der Region aus? Selbstbewusstsein, Identität, mit dem was wir hier haben, starkes Handwerk und viele gute Ausbildungsbetriebe. Und schließlich viele junge Leute, die auch gerne wieder zurückkommen wollen“. Sein Ziel: unsere Region soll eine starke Stimme im Landtag haben. Belling ging auch kurz auf die politische Vita von Cem Özdemir ein: der anatolische Schwabe aus Bad Urach, wie er sich selbst gerne nennt, war viele Jahre lang einer der Bundesvorsitzenden der Grünen, Abgeordneter im Deutschen Bundestag und im Europäischen Parlament, Bundesminister für Landwirtschaft und Ernährung und am Ende auch noch für Bildung.
„Lieber Cem, wir hier schätzen es, wenn jemand aus echtem Holz geschnitzt ist“. So begrüßte Belling „den nächsten Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg“. Der bedankte sich auch bei der Polizei, die bei dieser Veranstaltung für Sicherheit sorge, das sei nicht in jedem Land selbstverständlich. „In Anatolien werden Menschen verfolgt und getötet, ebenso wie im Iran und in der Ukraine. „Putin macht es wie Stalin. Der hat die Menschen mit Hunger bekämpft, Putin macht es mit Kälte“, beschreibt Özdemir die unmenschliche Lage in vielen ukrainischen Städten.
Das sind seine Prioritäten, wenn er zum Ministerpräsidenten gewählt wird:
“Wir müssen endlich in Europa unsere digitalen Regeln für die Tech-Konzerne durchsetzen. Gegenüber den chinesischen Konzernen müssen wir endlich erwachsen werden und unsere Produkte stärken. Klar muss die Polizei im Land bestmöglich ausgestattet werden und dazu brauchen wir eine exzellente Software. Aber doch nicht die von Palantir, die amerikanische Firma wird von Peter Thiel, einem rechten Hardliner geführt. Dafür müssen deutsche oder auch europäische Lösungen geschaffen werden.“
Vom Weltwirtschaftsgipfel in Davos berichtet Özdemir, der Gouverneur von Kalifornien, Gavin Newsome, haben den europäischen Politikern dort Knieschützer angeboten, damit sie sich bei ihren Bücklingen vor den Autokraten nicht verletzen. Der türkische Präsident Erdogan habe die Türken im Land aufgerufen, nicht Özdemir zu wählen. „Da muss ich doch ein paar Sachen richtig gemacht haben“, meint der lakonisch.
Unter seiner Führung sollen Vorschläge danach beurteilt werden, ob sie gut fürs Land seien – und nicht, wer sie gemacht habe. Mit dem sehr bekannten „Foodblogger“, der im Nebenberuf Ministerpräsident unseres Nachbarlandes ist, kann sich Özdemir eine gute Zusammenarbeit der beiden starken südlichen Bundesländer vorstellen.
Energisch will er gegen die immer weiter ausufernde Bürokratie vorgehen: Eine Möglichkeit sei die sogenannte Genehmigungsfiktion z.B. im Baurecht, bei der Bürgermeister vor Ort unsinnige Regeln außer Kraft setzen können. Und die Wirtschaft will Özdemir von den zahllosen Berichtspflichten befreien. Ein Effizienzgesetz soll regeln, daß alle diese Berichtspflichten abgeschafft werden, es sei denn, sie seien absolut notwendig. Damit könnte auch die Bürokratie in Berlin und Brüssel auf Trab gebracht werden.
Das Thema Bildung liegt dem gelernten Erzieher und studierten Sozialpädagogen ganz besonders am Herzen. Und dann verriet Özdemir auch, woher er Freudenstadt gut kennt. Seine Ausbildung hat er zwei Jahre lang am Oberlinhaus gemacht. „Schon in den Kitas muss man anfangen mit Sprachunterricht, nicht erst in der Schule“, fordert er. Zudem befürwortet er eine Altersgrenze von 16 Jahren für die Nutzung sozialer Medien wie Tiktok, denn die sprechen im Gehirn das gleiche Belohnungszentrum an wie Drogen und sind daher brandgefährlich. Handys sollen in der Schule in der ersten Stunde abgegeben und in der letzten wieder ausgehändigt werden. „Unsere Kinder sollen Goethe, Schiller und Lessing lesen, kochen lernen und sich nicht nur mit digitalen Medien beschäftigen“, fordert Özdemir.
Das letzte Jahr in der Kita soll verpflichtend – aber kostenfrei sein.
Auch das Publikum hatte Fragen an Cem Özdemir und Daniel Belling – die Kiste mit den zuvor eigesammelten Bierdeckeln war voll. Diese wurden schließlich gezogen und von Annette Maria Rieger präsentiert. Für die nicht zum Zuge gekommenen versprach Dr. Daniel Belling, diese weiterzuleiten bzw. später nach der Veranstaltung zu beantworten.
Frage Nr. 1: „Wie wollen Sie die große Zustimmung für die AfD bekämpfen“? Cem Özdemir befürchtet, dass bei den Landtagswahlen in den östlichen Bundesländern der erste Ministerpräsident der AfD gewählt werden könnte. „Und das wird die Kultur- und die Sprache in unserem Land verändern. Ich habe im Bundestag sehr nahe bei den Abgeordneten der AfD gesessen. Dort habe ich gehört, was im Sie zuhause nicht hören konnten. Häme, Hass, hässliche Zwischenrufe, gerade, wenn Frauen sprechen. Wer in dieser Partei Funktionär ist, der sitzt mit Putin in einem Boot. Die Partei wird immer radikaler, manche Wähler müssten da nicht sein und gehören auch nicht dahin“, so Özdemir. Als Ministerpräsident will er in die Hochburgen der AfD, mit den Menschen sprechen und sich jeder Debatte stellen.
Nr. 2: Wie wollen Sie für unser marodes Schulsystem verbessern? „Mit frühem Sprachunterricht schon in der Kita beginnen, nicht erst in der Grundschule. Die Nutzung von sozialen Medien soll erst ab einem Alter von 16 Jahren erlaubt sein. Handys während des Unterrichts sind nicht erlaubt und müssen abgegeben werden. Spanien ist da Vorbild. Und schließlich soll das letzte Kita-Jahr zur Pflicht gemacht werden und dafür aber auch kostenfrei sein.
Und Frage Nr. 3: Wie stehen Sie zur Kappung der Gäubahn? Da erinnert Özdemir an den Beginn des Projekts, das damals von den Grünen abgelehnt wurde, das Volk habe aber anders entschieden. „In der Wendlinger Kurve nur eine Bahnstrecke zu planen, das ist für mich eine Schnapsidee. Und einen der teuersten Bahnhöfe der Welt zu bauen, ohne ein digitales Steuerungssystem wie ETCS, das in der Schweiz eingesetzt wird, das ist völlig unverständlich. Bei Gesprächen mit Verantwortlichen der Schweizer Bundesbahn werden wir regelmäßig belächelt. Ich möchte erreichen, dass unsere Nachbarn nicht mehr über uns lachen“. Dazu sollten solche Projekte wie Stuttgart 21 auch nicht von Politikern, sondern von Bahnexperten geplant werden.
Auch Daniel Belling hat sich Gedanken zu den Fragen des Publikums gemacht. „Die AfD hat gestärkt, wie wir Politik gemacht haben. Wir haben so viel versprochen und es dann nicht umsetzen können. Und vor allem die schwierige Situation bei den kommunalen Finanzen, wo nicht einmal mehr die Pflichtaufgaben zu bewältigen sind, verschärft diese Situation noch“, befürchtet er. Große Sorgen macht sich Belling um die junge Generation, die sehr unter der Corona-Pandemie gelitten hat. „Diese jungen Leute, die wollen was erreichen, sind aber total unter Druck. Wir müssen viel mehr Angebote für die mentale Gesundheit machen, die langen Wartelisten für Therapieplätze sind eine Katastrophe“. Bei der Gäubahn ist für Belling klar, „wir sind dagegen, dass die Gäubahn gekappt wird. Sie ist für unsere Region essenziell. Und wenn aus gutem Grund gekappt werden muss, dann so kurz wie möglich.
Und schließlich sollten beide auch noch Stellung zum Thema „Abschuß des Hornisgrindewolfs“ beziehen, das in der Region für viel Aufregung sorgt. Özdemir sieht in der Ansiedelung des Wolfs einen Riesenerfolg, „wir müssen lernen, mit dem Wolf zu leben. Allerdings haben wir ein Problem, wenn er sich nicht artgerecht verhält, auch wenn dieses Verhalten durch die Menschen verursacht wurde“. Daher sieht er im Urteil des Verwaltungsgerichts, das den Abschuss bestätigt hat, eine richtige Entscheidung. Daniel Belling plädiert dafür, entsprechende Naturräume zu schaffen, so wie es durch die Erweiterung des Nationalparks gerade gelungen sei. An dieser Stelle begrüßte Belling auch den früheren Minister für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz von Baden-Württemberg, Alexander Bonde, der einer der Initiatoren des Nationalparks war. Anschließend stand Özdemir für Fragen und Selfies zur Verfügung, beantwortete persönliche Fragen und niemand wollte ihn wirklich gehen lassen. Aber natürlich war das Ende auch vorangekündigt – er musste dann zügig weiter zum nächsten Termin nach Rottenburg.
Unter den wunderbaren ausklingenden brasilianischen Rhythmen des Trios um Marianne Martin war die Stimmung eindeutig: Der Termin war viel zu kurz, es hätte noch Stunden mehr gebraucht, um allen Themen auf den Grund zu gehen. Und trotzdem waren sich alle einig, dass der Auftritt von Cem Özdemir ein Höhepunkt des politischen Lebens in Freudenstadt war … die Ordner sahen eher zufriedene Gesichter beim Abschied, es war durchweg ein stimmungshebender Abend.
Hoffnung statt Hetze – Danke, Cem, danke Daniel! Großartig!

















































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