Gut besetzt war das Stadthaus in Freudenstadt an diesem verregneten Samstag Nachmittag. Der Kreisseniorenrat hatte eingeladen zur Diskussionsrunde mit den Kandidaten für die Landtagswahl, allerdings nur der im Landtag vertretenen Parteien. Es diskutierten: Daniel Belling, Bettina Ahrens-Diez (SPD) Katrin Schindele (CDU) und Veit Grünberg (FDP). Die AfD hatte sich zunächst nicht gemeldet und wurde dann sehr kurzfristig nicht mehr zugelassen.
Martin Zerrinius, der Vorsitzende des Kreisseniorenrats, moderierte die Veranstaltung und hatte ein straffes Zeitmanagement vorgesehen. Im Vorfeld waren Fragen vorbereitet worden und die Kandidatinnen und Kandidaten hatten die Möglichkeit, sich mit den unterschiedlichen Themen zu beschäftigen. Zuerst stellten sich alle vier kurz vor.
Daniel Belling verließ als einziger seinen Sitzplatz auf dem Podium und stellt sich direkt vors Publikum. „Ich bin der grüne Kandidat. Sie kennen uns, denn seit 15 Jahren regiert Winfried Kretschmann als Ministerpräsident unser Land“. Belling war selbst 2 Jahre lang sein Referent, inzwischen arbeitet er im Verkehrsministerium. „Ich will Menschen mitnehmen, zuhören und Interessen vertreten, Spaltung überwinden und Menschen zusammenführen“, lautet seine Agenda.
Schnell wurde klar, es ging hier bei weitem nicht nur um Seniorenthemen. Zur Gretchenfrage wurde „wie halten Sie es mit der Gäubahn“? Denn die durchgehende Bahnverbindung von Singen nach Stuttgart ist für 1,4 Millionen Menschen entlang der Strecke „die Lebensader für die gesamte Region“, so Daniel Belling. „Für Pendler, Azubis oder auch Ältere ist eine – auch zweitweilige – Unterbrechung mit Umstieg bis zur Fertigstellung des Hauptbahnhofs keine Option. Wir fordern, dass die Gäubahn auch im Süden zweigleisig ausgebaut wird. Wir müssen unbedingt verhindern, dass die Gäubahn gekappt wird“, fordert Belling. Auch Bettina Ahrens-Diez schließt sich dieser Forderung an, sie nutzt selbst oft die Gäubahn und plädiert ebenfalls für einen schnellen Ausbau. Und auch Katrin Schindele sagt, „die Kappung der Gäubahn muß verhindert werden“, damit weicht sie von der offiziellen Parteimeinung ab. Veit Grünberg bekennt, dass er sich mit dem Thema nicht genug auseinandergesetzt hat, um etwas dazu zu sagen.
Auch der Abbau von Barrieren im öffentlichen Raum und im ÖPNV ist kein „reines Thema für Senioren“. „Manchmal entscheiden 10 Zentimeter, ob sich die Welt für mich öffnet“, beschreibt Daniel Belling die Sichtweise auf solche Barrieren. Schon seit 2015 gibt es einen gesetzlichen Anspruch auf barrierefreie Zugänge für öffentliche Gebäude. Und wenn Bahnhöfen modernisiert werden, sei der Abbau von Barrieren mit zu planen. Niederflurbusse müssen noch viel öfter im ÖPNV eingesetzt werden. Sein Fazit: es gibt viele Förderprogramme, es ist schon viel passiert, wir bleiben dran. Belling erinnert daran, dass das ÖPNV-Taxi von Minister Winfried Hermann ins Leben gerufen wurde, er will sich für die weitere Förderung dieses erfolgreichen Modells einsetzen. Katrin Schindele erwähnt die Weiche am Freudenstädter Hauptbahnhof, deren Umbau dazu führt, dass in Loßburg und Schenkenzell nur noch wenige Züge halten. Überhaupt ist die Mobilität für Belling eine Form der Daseinsvorsorge, er nennt den Mobilitätspass, den die Kommunen heute schon anbieten können. Und ein ehrgeiziges Ziel seiner Partei: mit der Mobilitätsgarantie soll erreicht werden, dass bis 2030 in jedem Ort alle 30 Minuten Bus oder Bahn fahren.
Ein ganzer Themenkomplex beschäftigt sich mit dem „Wohnraum für Ältere und der Digitalisierung“. Für Daniel Belling ganz wichtig, „ältere Menschen sollen so lange wie möglich selbstbestimmt leben, möglichst in Wohnformen, die direkt an die Infrastruktur angebunden sind. Das ermöglicht die Teilhabe am gesellschaftlichen Leben“. Er will Treffpunkte in der Gemeinschaft fördern, wie sie es zum Beispiel im Familienzentrum oder im Mehrgenerationenhaus schon gibt. Denn jeder Vierte über 65 Jahre, der allein lebt, fühlt sich einsam, haben Studien ergeben. In der Telemedizin sieht Belling die Chance, niederschwellige Möglichkeiten zu Gesprächen mit der Ärztin oder dem Arzt zu führen. Wie denn die Pflege vor Ort weiter ausgebaut werden? Da plädieren gleich mehrere der Kandidaten für das Konzept „Gemeindeschwester“, die es früher schon mal gab. Daniel Belling nennt sie „Community Help Nurses“, ein Modell das in anderen Ländern wie zum Beispiel in Österreich bereits erfolgreich umgesetzt ist. Qualifizierte Pflegekräfte sind Anlaufstelle für Gesundheit, Pflege und Prävention in einer Gemeinde. Sie beraten, koordinieren Versorgungsangebote und fördern so die Gesundheit, damit die Menschen länger in ihrem Zuhause bleiben können. „Wir unterstützen dieses Konzept, nicht immer lässt sich aber in der Koalition alles Wünschenswerte auch durchsetzen“, bedauert er.
Auch aus dem Publikum kamen Fragen, ein Schwerpunkt: der Abbau von Verwaltungsebenen, um die ausufernde Bürokratie in den Griff zu bekommen. Der frühere Bürgermeister Gerhard Link berichtet, „schon in den 70er Jahren, als die Regionalverbände gegründet wurden, sollten im Gegenzug die Regierungspräsidien abgeschafft werden. 50 Jahre später sind sie immer noch da“! Da sieht Daniel Belling Handlungsbedarf, „die Verwaltung muß modernisiert und gestrafft werden. Dazu bedarf es einer Aufgabenkritik und auch Verfahren müssen einfacher und effizienter werden. Zudem gibt es viel zu viele Förderprojekte, das hat auch schon der Normenkontrollrat bemängelt“. Pünktlich um 16 Uhr beendete Martin Zerrinius die Veranstaltung, auch wenn viele seiner insgesamt 18 Fragen gar nicht gestellt werden konnten, da die Zeit dafür einfach zu knapp war.





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