Rede zum Kreishaushalt 2026 – Fraktionssprecherin Elisabeth Gebele spricht Klartext

Freudenstadt, 09.02.2026
Rede zum Kreishaushalt 2026 – es gilt das gesprochene Wort

Sehr geehrte Damen und Herren,

der Begrüßung meiner Vorredner möchte ich mich anschließen.

Der Haushalt 2026 steht, wie so viele Haushalte dieser Jahre, unter dem Zeichen unserer miserablen Finanzlage, wachsender Pflichtaufgaben und großer Unsicherheiten. Und ja: Das ist kein Wunschkonzert. Aber gerade in solchen Zeiten zeigt sich, ob Politik nur verwaltet oder ob sie gestaltet.

Wir GRÜNE sind überzeugt: Ein schwieriger Haushalt ist kein Freibrief für Stillstand. Er ist vielmehr ein Stresstest für Prioritäten, für Weitsicht und für politische Ehrlichkeit. Unsere Anträge für 2026 folgen deshalb drei einfachen Leitlinien:

Erstens: Sie sollen wirksam sein.

Zweitens: Sie sollen finanziell verantwortbar sein.

Und drittens: Sie sollen unseren Landkreis Freudenstadt zukunftssicher machen – sozial, ökologisch und gesellschaftlich.

1. Mobilität: Ohne Menschen fährt kein Bus

Beginnen möchte ich mit dem Rückgrat unseres öffentlichen Nahverkehrs: den Menschen, die ihn tagtäglich am Laufen halten: unseren Busfahrerinnen und Busfahrern.

Wir begrüßen ausdrücklich, dass sich der Kreistag mehrheitlich gegen Kürzungen im ÖPNV positionieren wird, auch im Hinblick auf die ÖPNV-Taxis. Wir sind dankbar, dass unser bundesweites Leuchtturmprojekt MOBILERLEBEN nicht nur erhalten, sondern weiterentwickelt und fortgeführt werden soll. Das ist ein starkes Signal.

Aber: Ein gutes Angebot auf dem Papier nützt wenig, wenn es in der Praxis am Personal scheitert. Schon heute spüren wir landesweit den Mangel an Fachkräften im ÖPNV. Die kommenden Jahre werden die Situation nicht entspannen, im Gegenteil:

Sanierungen auf der Schiene, mehr Schienenersatzverkehr, perspektivisch mehr Busverkehr statt weniger. Das alles erhöht den Druck auf ein System, das personell ohnehin auf Kante genäht ist.

Deshalb beantragen wir einen Sachstandsbericht zur aktuellen und zukünftigen Personalsituation bei unseren Busfahrerinnen und Busfahrern der vgf mit drei klaren Zielen:


Erstens: Ehrlich hinschauen, wo wir heute stehen.


Zweitens: Realistisch abschätzen, was in den nächsten Jahren auf uns zukommt. Stichwort Altersstruktur, Ruhestand, Ausbildungskapazitäten.


Und drittens: Ein Konzept zur Fachkräftesicherung entwickeln – gerne auch landkreisübergreifend mit Rottweil und Calw.

Denn eines ist doch klar: Wenn wir nichts tun, drohen Angebotskürzungen nicht aus politischen Gründen, sondern aus schlichter Personalnot. Das wäre das Gegenteil von Mobilitätswende.

Dabei stehen wir in der Finanzierung unseres ÖPNV im landesweiten Vergleich gut da: Mit einem Nettoressourcenbedarf von aktuell 28 Euro geben wir deutlich weniger pro Kopf und Jahr für unseren ÖPNV aus als der Landesdurchschnitt mit 45 Euro. Gerade deshalb ist es unsere Pflicht, die vorhandenen Mittel strategisch einzusetzen – nicht für hektische Notlösungen, sondern für Ausbildung, Nachwuchsgewinnung und verlässliche Strukturen.

Wir GRÜNE stehen für ein starkes allgemeines Mobilitätsangebot, von dem alle profitieren. Und ja: Wir tragen Einsparungen bei individuellen Förderinstrumenten mit, aber nur wenn gleichzeitig das Gesamtsystem gestärkt wird. Eine gesicherte Personalsituation ist dafür keine Nebensache. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass Busse überhaupt fahren.

Falls es bereits 2026 zu Ausgaben für dieses Vorhaben kommt, rufen wir Ihnen gerne als Vorschlag zur Gegenfinanzierung zwei unserer noch zu behandelnden Anträge von 2025 in Erinnerung: Wie Sie wissen, haben wir die Erhebung von Parkgebühren auf kreiseigenen Plätzen beantragt. Weiterhin haben wir die Gründung eines Fördervereins/einer Stiftung für das Klinikum Freudenstadt zur Ausgabenreduktion vorgeschlagen. Beide Anträge werden zeitnah behandelt und wir freuen uns über Ihre Unterstützung.

2. Radverkehr: Vorbild sein, nicht nur appellieren

Auch unser zweiter Antrag wirkt im Alltag: Wir beantragen die Einführung eines Dienstrad-Leasings für die Mitarbeitenden des Landkreises.

Der Landkreis fördert bereits heute die mit dem Fahrrad zurückgelegten Arbeitswege. Das ist gut, das ist richtig und es wird auch von unseren Mitarbeitenden genutzt. Aber wir wissen: Ein gutes, verlässliches Fahrrad oder E-Bike ist für viele Menschen eine echte Investition. Eine, die man nicht mal eben aus der Portokasse bezahlt.

Ein Leasing-Modell mit monatlichen Raten ist für viele schlicht alltagstauglicher und es hat einen schönen Nebeneffekt: Wer ein gutes Rad für den Arbeitsweg nutzt, nutzt es auch im Alltag häufiger für Einkäufe, kurze Wege und Freizeit. So verändert sich Mobilität sowohl punktuell als auch im Lebensstil.

Mit unserem Radleasing-Antrag stärken wir drei Dinge gleichzeitig:
Die Gesundheit der Mitarbeitenden,
den Klimaschutz und
die Attraktivität des Landkreises als Arbeitgeber.

Klimafreundliche Mobilität braucht Wahlfreiheit. Deshalb setzen wir uns mittelfristig auch für ein ÖPNV-Jobticket ein. Bus, Bahn, Rad oder Kombinationen daraus – das muss einfach, praktikabel und attraktiv sein. Nicht mit erhobenem Zeigefinger, sondern mit guten Angeboten.

3. Wohnen: Die soziale Frage unserer Zeit

Kommen wir zu einem Thema, das längst zur Schicksalsfrage für viele Menschen geworden ist: bezahlbares Wohnen.

Die Wohnungsnot verschärft sich auch in unserem Landkreis. Besonders betroffen sind junge Menschen, die erstmals eine eigene Wohnung suchen und ältere Menschen, die bezahlbaren, barrierearmen Wohnraum brauchen. Für beide Gruppen wird der freie Markt immer enger.

Gleichzeitig steigen in unserem Kreishaushalt die Ausgaben für Wohngeld. Das ist sozial richtig, aber wir sollten uns nichts vormachen: Dauerhaft lösen wir das Problem nicht mit immer höheren Zuschüssen, sondern nur mit mehr Angebot an bezahlbarem Wohnraum.

Deshalb beantragen wir vier Dinge:

Erstens: Einen Bericht über den Stand und die Ergebnisse des „Runden Tisches Wohnen“.
Zweitens: Eine stärkere Vernetzung von Investoren und sozialen Trägern, moderiert durch den Landkreis.
Drittens: Den Blick über den Tellerrand etwa zu Projekten wie den Hoffnungshäusern in Calw-Wimberg und die Prüfung, was davon für unseren Landkreis übertragbar ist.
Und viertens: Eine Weiterentwicklung der Kreisbaugenossenschaft hin zu einer aktiven Wohnungsbau- und Entwicklungsgesellschaft.

Denn, lieber Kollege Ruf: Es reicht nicht, darauf zu verweisen, dass einzelne Kreisrätinnen und Kreisräte Mitglied in der Kreisbaugenossenschaft werden können. Das ist ehrenwert, aber es löst kein strukturelles Problem. Wenn wir es ernst meinen mit bezahlbarem Wohnen, brauchen wir einen Akteur, der gestaltet, nicht nur verwaltet.

Das beinhaltet: Energetisch sanieren, modernisieren und nachhaltig neu bauen. Das ist Klimaschutz, Sozialpolitik und Wirtschaftsförderung in einem. So sichern wir Bestand, senken Nebenkosten und halten Wohnungen langfristig bezahlbar gerade für junge und ältere Menschen.

Bezahlbares Wohnen ist keine Randnotiz. Es ist eine der zentralen sozialen Fragen unserer Zeit. Und wir wollen, dass der Landkreis Freudenstadt hier vernetzend, fördernd und mit klarer Zielrichtung handelt.

4. Ukraine-Partnerschaft: Solidarität braucht Strukturen

Unser vierter Antrag führt uns über die Grenzen des Landkreises hinaus, aber mitten hinein in die europäische Verantwortung: Wir beantragen die Prüfung und Konzeption einer Partnerschaft mit einem ukrainischen Landkreis.

Der russische Angriffskrieg hat die europäische Friedensordnung erschüttert. Unser Landkreis und unsere Kommunen leisten wertvolle Unterstützung mit Spenden, Hilfstransporten und Aufnahme von Geflüchteten. Das ist enorm wichtig. Wir sind der Überzeugung: Solidarität braucht auch Strukturen, die über den Moment hinaus tragen.

Unser Partnerlandkreis Tomaszów Lubelski in Polen zeigt, wie wertvoll und tragfähig kommunale Partnerschaften sein können. Warum sollten wir diese Erfahrung nicht nutzen und erweitern?

Eine Partnerschaft mit einem ukrainischen Landkreis könnte unsere Hilfe noch wirksamer werden lassen: z.B. in der Jugendarbeit, beim Verwaltungsaustausch, in der Zivilgesellschaft und beim Wiederaufbau. Unsere Partnerschaft bietet Verlässlichkeit für die Menschen vor Ort und für die Engagierten hier. Bestimmt kann sie dabei auch auf Förderprogramme von Land, Bund und EU aufbauen.

Ein europäisches Dreigespann aus den Landkreisen Freudenstadt und Tomaszów Lubelski sowie einem ukrainischen Partnerlandkreis wäre mehr als Symbolik. Es wäre gelebte europäische Zusammenarbeit. Oder anders gesagt: Friedensarbeit im Alltag.

Und zum Schluss: Verantwortung heißt, heute die richtigen Weichen zu stellen.

Sehr geehrte Damen und Herren,
unsere Anträge sind bewusst maßvoll in den Kosten, aber klar in der Richtung:

Sie stärken die öffentliche Mobilität.
Sie fördern nachhaltige Alltagsmobilität.
Sie nehmen die soziale Frage des Wohnens ernst.
Und sie bekennen sich zu europäischer Solidarität.

Gerade in finanziell schwierigen Zeiten dürfen wir uns nicht nur fragen:

Was können wir uns heute leisten?
Wir müssen auch fragen:

Was können wir uns morgen nicht leisten, wenn wir heute zu wenig tun?

Wir GRÜNE stehen für unseren Landkreis Freudenstadt, der versorgt, wo es notwendig ist, vorsorgt, wo Weitsicht gefragt ist und der investiert, wo es klug ist

In diesem Sinne bitten wir um Ihre Unterstützung für unsere Anträge und für einen Haushalt 2026, der unsere Gegenwart und unsere Zukunft gestaltet.

Vielen Dank.

Elisabeth Gebele,
Sprecherin Kreistagsfraktion Grüne

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